Monolithisch bauen

Im Sprachgebrauch der Architektinnen und Architekten ist der Begriff „monolithisch“ oftmals ein Hilfsbegriff, der sich primär und vorschnell auf äussere Wahrnehmung und Wirkung bezieht. Es findet kaum eine vertiefte Auseinandersetzung mit den grundsätzlich gemeinten Gesetzmässigkeiten des „monolithischen Bauens“ statt.

 

Der aus dem Altgriechisch stammende Begriff „monolithos“ meint wörtlich „Ein-Stein“ und bedeutet so viel wie „aus einem Stück Stein“. In diesem ganz wörtlichen Sinn gibt es in der Architektur nur ganz wenige Bauten die demnach als „monolithisch“ bezeichnet werden können. Ein Beispiel dazu sind die Felsenkirchen in Lalibela in Äthiopien aus dem 12. Jahrhundert. Sie wurden aus dem vorhandenen Vulkangestein gehauen, zuerst als grosse Volumen und anschliessend mittels Subtraktion ausgehölt; sie bestehen von unten bis oben aus einem einzigen Stück Stein! (vgl. Abbildung Bet Giyorgis Felsenkirche)

 

Physik und Physis

Im allgemeinen Sprachgebrauch und in der Architektur werden mit „monolithisch“ Objekte bezeichnet, die aus einem Stück zu bestehen scheinen, im Gegensatz zu solchen, die aus verschiedenen Einzelteilen zusammengesetzt werden und „tektonischen“ Fügungsprinzipien folgen. Der Begriff „monolithisch“ wird allgemein für einschalige, durchgehende Konstruktionen verwendet. Meistens werden Betonkonstruktionen gemeint, da der Baustoff zu einem Stück gegossen werden kann. Die genaue Machart mit den zahlreichen Betonieretappen und -fugen wird dabei vernachlässigt oder überspielt und es überwiegt die Gesamtwirkung. Das gleiche gilt bei einer Mauer, die aus einzelnen Ziegelsteinen in einem durchgehenden Verbund aufgemauert wird. In beiden Fällen handelt es sich um Massivbau und um monolithische Konstruktionen.

 

Der Konflikt zwischen Physik und Physis (Machart und Erscheinung) und die Dialektik zwischen Mauer und Wand ist in den Grundlagen angelegt und sorgt oftmals für Verwirrung. So wird eine monolithische Mauer, die aus der Welt des Massivbaus stammt im Sprachgebrauch oftmals auch als Wand bezeichnet. (vgl. Archetypen der Konstruktion: Massivbau – Filigranbau)

 

Die Massivität der Mauer

Bei sämtlichen monolithischen Konstruktionen spielt die Masse und die Verwendung von ausreichend viel Material eine entscheidende Rolle. Die Stabilität und Standfestigkeit der Mauer folgen den Gesetzmässigkeiten der Gravitation und werden über die Dimensionierung und Verteilung der Masse sowie über die Mauerstärke gewährleistet. Bei einer Mauer im Sinne einer Fassadenmauer eines Gebäudes kommt zusätzlich die Trennung zwischen innen und aussen dazu. Die Mauer übernimmt neben ihren statischen Funktionen Schutzaufgaben und schützt den Innenraum vor äusseren Einflüssen, wie Wind und Wetter. Dabei regelt die Masse der Aussenmauer wichtige klimaregulierende Aufgaben; sie kann als Puffer und Speicher wirken. Aufgrund der Materialeigenschaften kann beispielsweise die Wärme absorbiert, gespeichert und zeitverzögert wieder an den Raum abgeben werden.

 

Die Mauer als Mauerkörper erzeugt durch ihre Masse und Beschaffenheit einen Ausdruck von Massivität und Plastizität. Durch die Anordnung und Gestaltung der Masse sowie durch das Weglassen derselben entstehen architektonische Gestaltungsmöglichkeiten. So wird bei der Öffnung in der Mauer das Thema der Masse explizit sichtbar und der Übergang zwischen innen und aussen in seiner Tiefe erfahrbar. Die richtige Positionierung einer Öffnung im Mauerkörper oder der adäquate Umgang mit der Tiefe einer Leibung bieten hochinteressanten Themen für die architektonische Auseinandersetzung. Im Gegensatz zu Fassadentiefe und Plastizität findet heute eine allgemeine Tendenz zur Verflachung und „Ausdünnung“ der Fassade statt.

 

Die Aufsplittung der Fassade

Mit der Erdölkrise in den 1970er Jahre wurde Energiesparen zum Thema und in der Architektur folgte die Aufsplittung der Aussenwand und damit verbunden der Verlust der homogenen einschichtigen Masse. Die vertiefte Auseinandersetzung mit der Bauphysik und die Einführung der Wärmedämmung zwangen zum Schichtensplit der Fassade in eine Tragschicht, Dämmschicht und Schutzschicht (T-D-S). Es resultierte eine absolute Entkoppelung vom Ausdruck aussen und dem konstruktiven Aufbau dahinter. Für die einzelnen Schichten und Funktionen wurden nach den bestmöglichen Materialien gesucht. Bis auf wenige Ausnahmen setzte sich diese Aufsplittung der Fassade durch. Als Gegenreaktion auf das übliche T-D-S versuchten diese das Tragen, Dämmen und Schützen wieder zu vereinen (T+D+S) und entwickelten Fassaden mit porösen und dennoch tragfesten Baustoffen und Materialschäumen. Auf der allgemeinen Grundlage des Fassadensplits nahm in den letzten Jahren die Stärke der Dämmschicht infolge Energiesparverordnungen, und Energielabels überproportional zu und übertrifft heute die Dimension der Tragschicht. Durch die erhebliche Zunahme der Dämmstärke nahm die Exzentrizität zwischen Tragschicht und Schutzschicht stark zu, und für die äusserste Schutzschicht setzten sich immer leichtere Fassadenmaterialien und dünnere Materialstärken durch. Die Schutzschicht wurde ausgedünnt und etwas überspitzt und salopp formuliert, zeichnet sich in der heutigen Architektur eine allgemeine Tendenz zu einer „Verpackungs- und Blecharchitektur“ ab. Die Fassade, sprich die äussere Erscheinung eines Gebäudes reduziert sich auf millimeterdünne Häute und Tapeten. In den letzten paar Jahren findet der architektonische und gestalterische Spielraum nur noch auf der Oberfläche der Fassade statt, und geht hin bis zur Suche nach nanodünnen Fassaden-Membranen. Die Architektur verkommt je länger je mehr zum „exterior design“. Doch der Zwang zur Tapetenarbeit und die Auseinandersetzung mit aufgesetzten Zeichen und beliebig neuen Variationen wirken über die Zeit lähmend und langweilig, denn die eingehende Beschäftigung mit der Fassade bietet grundsätzlich viel mehr!

 

„Die Fassade ist die Innenwand des Aussenraumes und die Aussenwand des Innenraumes“ Georg Franck

 

Die Rolle des Architekten

Der besagte Verlust des architektonischen Gestaltungspielraumes bedeutet eine Eingrenzung der allgemeinen Möglichkeiten und hat direkten Einfluss auf das Metier. Neben dem immer grösser werdenden Spezialistentum gibt es eine Tendenz, die vermehrt in Richtung „core & shell“ geht. Gemeint ist damit die Aufteilung der Architektur in „core“ im Sinnen von Rohbau und Struktur und „shell“ als Ausbau und (Gebäude-) Hülle. Der Architekt wird somit entweder zum Pragmatiker und setzt sich mit Rohbaustrukturen und Rohbaustrategien auseinander oder er übernimmt die Rolle des Tapeten-Designers und beschäftigt sich mit „interior und exterior design“. Es handelt sich um eine grundsätzliche Auseinandersetzung, die fast gleich alt ist wie die Architekturgeschichte selber. So wurde für Adolf Loos gute Architektur über die letzte Oberfläche, die sogenannte Kulturschicht, etabliert, währendem Louis Kahn den veredelten Rohbau in seiner fast mittelalterlichen Rohheit zum architektonischen Massstab erklärte.

 

Diese Realität und die zuvor erwähnten Tatsachen müssen eigentlich jede Architektin und jeden Architekten zum Widerstand motivieren – Widerstand im Sinne von einer unbedingt notwendigen Auseinandersetzung entgegen den vorherrschenden Trends und der reinen Überwindung der technischen Schwierigkeiten. Herausforderung ist, die Fassade wieder aus einer Schicht, eben „monolithisch“, zu bauen! Gemeint sind dabei nicht naive Ansätze, oder nostalgische Wunschträume und Rückwärtsbewegungen vor die 1970er Jahre, sondern echte Beiträge zum Thema unter Berücksichtigung der komplexen Ansprüche der heutigen Praxis. Dies betrifft nicht nur das Konstruieren von Mauern in Dämmbeton, sondern genau so gut mit anderen denkbaren Mauermaterialien.

 

Vor diesem Hintergrund und mit offensichtlichen Beweggründen entwickelte und realisierte das Büro Bearth & Deplazes Architekten 2002 das Wohnhaus Meuli in Fläsch. Das Haus wurde „monolithisch“ gebaut, die Mauern einschalig in Dämmbeton gegossen, mit sägeroher Bretterschalung. Die Publikationen in der Fachpresse zu diesem Haus lösten ein enormes Interesse vieler Architekten aus: Ein scheinbar neuer Baustoff, der es erlaubte, Architekturen zu bauen, die monolithisch erscheinen und auch monolithisch sind! Gleichzeitig waren die damals mit Dämmbeton realisierten Gebäude oft noch von einem gewissen Pioniergeist geprägt: Gemeinsam mit dem Bauingenieur, dem Baumeister und dem Betonlieferanten musste eine geeignete Betonrezeptur gefunden werden, dann wurde an einer Versuchswand das Einbringen und Verdichten von Dämmbeton geübt und getestet. In der Zwischenzeit hat eine bemerkenswerte Entwicklung in der Bauindustrie stattgefunden: Nicht nur einzelne Architekten, sondern auch verschiedene Zulieferfirmen und Betonwerke haben das Potenzial von Dämmbeton erkannt. • Text: Andrea Deplazes, Andreas Kohne

 

Lüking, Tim (Hrsg.): Monolithisch Bauen – Eine Bestandsaufnahme, 2017, Graz: Verlag TU Graz. ISBN: 978-3-85125-511-9

 

Die zeitgenössischen Möglichkeiten sowie abschätzbaren Potentiale monomaterieller Aussenwandkonstruktionen werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und mittels realisierter Gebäude dargestellt.

 

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© Andreas Kohne