TEC21, 2022, Heft 14-15 / Projektwettbewerb im selektiven Verfahren, Kindergarten Untervaz

Stimmungsvolles Hofhaus

Kindergarten Untervaz Weitschies Krähenbühl Andreas Kohne
Illustration 3d-vis

Die Arbeitsgemeinschaft Weitschies Architektur – Krähenbühl Architekten gewinnt den Projektwettbewerb für den neuen Kindergarten in Untervaz. Trotz stattlichem Platzbedarf setzt sie sich mit ihrem eingeschossigen und identitätsstiftenden Hofhaustyp gegen die Konkurrenz durch.

 

Auf der linken Seite des Bündner Rheintals, am Fuss des Calandas und abseits der grossen Verkehrsströme liegt die Gemeinde Untervaz. Das kleine Bauerndorf ist kontinuierlich gewachsen: Die Einwohnerzahl hat sich in den vergangenen 40 Jahren nahezu verdoppelt und liegt heute bei rund 2500 Einwohnerinnen und Einwohnern. Für die Planung des neuen Kindergartens mit Kindertages­stätte und Mittagshort wurde Ende 2020 ein Projektwettbewerb im selektiven Verfahren mit zehn Architekturteams aus 66 Bewerbungen durchgeführt.

 

Vorhandene Bausubstanz

Die heutige Schulanlage von Untervaz besteht aus einem Ensemble von eigenständigen Bauten aus verschiedenen Zeitabschnitten: Die von Robert Obrist entworfene Schulanlage von 1980 bis 1984 besteht aus einem viertelkreisförmigen Oberstufenschulhaus und einer rechteckigen Turn- und Mehrzweckhalle. Sie wurde im Jahr 2003 mit einem länglichen, zweigeschossigen Bau für die Primarschule erweitert. Das U-förmige Gebäude von Oeschger Architekten aus dem Jahr 2013 beherbergt die neue Primarschule und ersetzte das ursprüngliche Schulhaus von 1958/1959. Zwischen diesen Bauten entstanden verschiedene Hof-, Platz- und Gassenräume, davor liegt eine grosse Wiese mit Sportplatz. Der dreigeschossige bestehende Kindergarten aus dem Jahr 1938, der gemäss Generellem Gestaltungs­plan als denkmalpflegerisch wertvolles Gebäude geschützt ist, steht etwas hangabwärts im Nordosten der Parzelle und damit im Wett­be­werbs­perimeter. Im Rahmen des Wettbewerbs ging es für die Planungsteams auch um die Frage, wie mit diesem Gebäude umgegangen werden soll.

 

Favorisiertes neu bauen

Im Rahmen ihrer Entwürfe und Gesamtabwägungen lehnten alle Teilnehmenden es ab, das bestehende Kindergartengebäude miteinzubeziehen, und entschieden sich aus ortsbaulichen und/oder programmatischen Überlegungen für einen Neubau. Das bestehende Solitärgebäude scheint mit dem geforderten Raumprogramm wenig kompatibel zu sein. Darüber hinaus wären aufwendige Sanierungsmassnahmen notwendig gewesen, um die Bausubstanz technisch und energetisch an die heutigen Standards anzupassen. Entsprechend muss nun die Gemeinde eine Teilrevision der Ortsplanung vorbereiten, um den Schutzstatus des Kindergartengebäudes aufzuheben.

 

Zweigeschossig und kompakt

Aus den zehn Wettbewerbseingaben wurde das Projekt «Ratzfatz» von Forrer Stieger Architekten mit dem zweiten Rang ausgezeichnet. Ein pavillonartiger Längsbau schliesst das Schulareal auf der Ostseite räumlich ab. Zugunsten des kompakten Volumens wird die Nutzung geschickt auf zwei Geschossen angeordnet, wobei die Topografie und die Ausbildung einer Geländekante im Schnitt die Ausrichtung der Geschosse unterstützen. Das obere Geschoss mit den vier Kindergärten orientiert sich zum Hartplatz und Schulareal und ist direkt von dort zugänglich. Das darunter liegende Geschoss mit Mittagstisch, Kinderhort und Allgemeinräumen richtet sich abwärts zum Aussenbereich und zum allgemeinen Zugang zur Schul­anlage. Die einfache Trag- und Raumstruktur erlaubt eine hohe Nutzungsflexibilität für verschiedenste Aktivitäten im Kinder­gartenalltag.

 

Die Jury würdigt den Projektansatz, der einen reduzierten und schonenden Umgang mit der Landreserve vorschlägt und Stärken in der Organisation der Nutzung mit den ­unterschiedlichen Bezügen zum Aus­senraum aufzeigt. Bei dem stark strukturell gedachten Beitrag vermisst sie jedoch eine vertiefte und präzise Ausarbeitung der Konstruktion, Statik und des Ausdrucks, was letztendlich allzu viele Fragen und zu viel Interpretationsspielraum offen lässt.

 

Eingeschossig und ­flächenintensiv

Die ARGE Weitschies Architektur –Krähenbühl Architekten sieht den Kindergarten als einen Ort, an dem die Kinder Sicherheit und Geborgenheit sowie Ruhe und Privatheit erfahren dürfen, aber auch ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben und sich selbstständig ihre Umwelt aneignen können. Mit ihrem Siegerprojekt «Der dritte Pädagoge» schlagen sie einen eingeschossigen Bau vor, in dem sich Kindergärten, Mittagstisch und Kleinkinderhort vierseitig um einen zentralen Hof gruppieren. Das eingeschossige Kindergartenhaus mit seinem weit ausladenden Satteldach besetzt annähernd den gesamten Projektperimeter, schafft mit seiner Präsenz einen klaren Abschluss des Schulareals und vermittelt gleichzeitig zum angrenzenden Wohnquartier. Unter dem gleichförmigen Satteldach ist die umlaufende Raumschicht mit Durchgängen in Abschnitte unterteilt. Die Durchgänge zwischen den Teilvolumen schaffen interessante Vernetzungen mit der Umgebung, und es entstehen vielfältig nutzbare, gedeckte Räume zwischen den Kindergärten und dem Hofgarten.

 

Die einzelnen Nutzungen sind in den Teilvolumen gruppiert untergebracht und primär über den Hof erschlossen, wo sie unter dem Vordach bequem und witterungsgeschützt erreicht werden können. Mit Holz, Lehm oder Einsteinmauerwerk und Schafwolle in der schallschluckenden Deckenkonstruktion ist das Gebäude simpel materialisiert. Langlebigkeit, Haptik, sinnliche Wahrnehmung und die kindgerechte Nutzung stehen dabei im Vordergrund.

Das Projekt besticht durch die einfache und schlüssige Gesamtkonzeption sowie die unaufgeregte Nutzungsverteilung. Der grosszügige Hof, der von dem weit ausladenden Satteldach umgeben ist, verleiht dem gesamten Neubau eine stimmungsvolle und ausgeprägte Identität.

 

Nachverdichtung trotzdem möglich

Abschliessend hält die Jury fest, dass eine spätere Verdichtung des Schulareals auch bei einem eingeschossigen Kindergartenbau weiterhin möglich ist. Die bestehende Primarschule lässt sich zum Beispiel mit einer Aufstockung erweitern, zudem werden nach dem Umzug der Kindergärten in den Neubau wieder Räumlichkeiten frei. Nach eingehender Diskussion über die Erweiterungspotenziale der Gesamtschulanlage kam die Jury zum Schluss, dass eine mögliche Nachverdichtung aufgrund der funktionalen Zusammenhänge zukünftig besser in direktem Bezug zu den heutigen Schulhäusern stehen sollte. Darum stellt das gewählte Siegerprojekt mit dem stattlichen Fussabdruck nicht nur kurzfristig für die konkrete Nutzung der Kindergärten, sondern auch langfristig für das gesamte Schulareal eine tragfähige Lösung dar. • Text: Andreas Kohne

 

Kindergarten Untervaz Projektwettbewerb Andreas Kohne
Illustration Architekten

Schweizerische Bauzeitung – TEC21, 2022, Heft Nr. 14-15, PDF

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