TEC21, 2021, Heft 10 / Wettbewerb im selektiven Verfahren, Zentrum für Zahnmedizin ZZM Zürich Hottingen

Markanter Solitär mit grünem Innenhof

Wettbewerb Zentrum Zahnmedizin Universität Zürich Andreas Kohne
© Studio Blomen

Das neue Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich soll zukünftig auf dem Areal des heutigen Kinderspitals in Zürich Hottingen zu stehen kommen. Das Generalplanerteam Boltshauser Architekten AG gewinnt den Projektwettbewerb im selektiven Verfahren mit einem kompakten Neubau und viel Nachhaltigkeit.

 

Bereits 2022 wird das Kinderspital Zürich vom heutigen Standort in Hottingen wegziehen und seine Neubauten in ­Zürich Lengg beziehen, die nach den Plänen des Architekturbüros Herzog & de Meuron erstellt werden. Das frei werdende Areal weckte verschiedene Begehrlichkeiten, wurde jedoch vom Regierungsrat 2018 dem Zentrum für Zahnmedizin (ZZM) der Universität Zürich zugesichert.

Das ZZM ist Teil der Uni­versität Zürich (UZH) und gehört zusammen mit den Universitätszahnkliniken in Basel, Bern und Genf zu den vier universitären zahnmedizinischen Zentren der Schweiz. Als interna­tional anerkanntes Klinik-, Ausbildungs- und Forschungszentrum vereint es sieben spezia­lisierte Kliniken und Institute. Diese sollen unter einem Dach zusammengefasst werden, im Gegensatz zum heutigen Standort im Hochschulgebiet Zentrum Zürich (HGZZ) wo sie in kleinteiligen, teilweise stark instandsetzungsbedürftigen Bauten in einem heterogenen Bestand verteilt sind.

 

Bauplatz mit historischer Substanz

Der neue Standort, das Areal des heutigen Kinderspitals, ist geprägt durch ein Konglomerat von grösseren Bauten, die im Lauf der Zeit entstanden und teilweise miteinander verbunden sind. Die bekanntesten darunter sind die Poliklinik und das Infektionshaus (Oberes Haus) von Otto Rudolf Salvisberg aus dem Jahr 1938 respektive 1933 sowie das Schwesternhaus von Richard von Muralt mit Salvisberg ebenfalls aus dem Jahr 1933. Die Poliklinik und das Infektionshaus wurden als Schutzobjekte von kantonalem Rang eingestuft und mussten im Rahmen des Wettbewerbs erhalten bleiben. Das arealprägende sechsgeschossige Bettenhaus von Rudolf und Peter Steiger, ein Zeuge des Spitalbaus des 20. Jahrhunderts, sowie das Schwesternhaus dürfen nach Einschätzung des Stadtrats abgerissen werden.

Beim selektiven, anonymen Wettbewerb, der vom Hochbauamt Kanton Zürich durchgeführt wurde, hatten sich 46 Teams beworben, wovon das Preisgericht 15 Teams zum Wett­bewerb zuliess. Die Ausgangslage zusammen mit dem komplexen Raumprogramm führte zu ganz unterschiedlichen Projektansätzen.

 

Minimaler Fussabdruck

Das Siegerprojekt «Light Rack» vom Generalplanerteam Boltshauser Architekten und Drees & Sommer hat sich Nachhaltigkeit zum Ziel gesetzt. In einem kompakten, fünfgeschossigen Gebäude wird das Raumprogramm untergebracht. Kubatur und Massstäblichkeit lassen den Neubau in seiner kleinteiligen unmittelbaren Nachbarschaft als typisches Hochschulgebäude auffallen, wobei die Offenheit, Leichtigkeit und Durchlässigkeit der plastisch ausgebildeten Fassade es aber gleichzeitig in die umgebende Bebauung einbindet. Dank dem minimalen Fussabdruck entsteht eine grosse Freifläche. Diese wird zusammen mit dem Aussenraum der geschützten historischen Bestandsbauten zu einem gross­zügigen Park, der von der Nachbarschaft als Begegnungsort genutzt werden kann und einen Beitrag zum Lokalklima leistet.

Die Organisation des Neubaus ist geprägt durch einen zentralen überdachten, «waldartig bepflanzten» Innenhof; dieser bringt Licht ins Gebäudeinnere, reguliert als Pufferraum das Binnenklima und dient als Erschliessungs- und Begegnungsraum. Die Konstruktion des Gebäudes besteht aus einem innovativen Holzbau – ein Holzgerüst mit Brettstapeldecken zwischen den Geschossen und vorfabrizierte Holz-Beton-Verbunddecken als oberer Abschluss. Der Einsatz von Photovoltaik in der Fassade und auf dem Dach sowie Dachbegrünung und Regenwassermanagement gehören ebenso zum sogenannten «Nachhaltigkeitspaket». Dank allen Bestrebungen kann der geforderte Standard Minergie-P erreicht werden.

 

Invasiver Eingriff

Das zweitrangierte Projekt «paso doble» der ARGE Burkard Meyer Architekten und Bollhalder Eberle ­Architektur schlägt einen Neubau vor, der mit dem Baubestand der ­Poliklinik geschickt verwoben wird und als kompaktes Ensemble in ­Erscheinung tritt. Das gegenseitig verschränkte, kompakte und in der Höhe abgestufte Gebäudeensemble lässt auf der Südseite einen Eingangsplatz und auf der Nord- und Ostseite eine durchgehende Parklandschaft entstehen. Die innere Organisation entwickelt sich aus den programmatischen Bereichen Lehre und Klinikum, wobei sich die Räume um die beiden zentralen Höfe reihen. Die typologische Veränderung und Neuinterpretation der historischen Poliklinik zu einem kompakten Hofgebäude bedeutet jedoch eine starke strukturelle Veränderung. Dieser «invasive Eingriff» in den schützenswerten Bestand sowie die Ausformulierung der ­Parklandschaft und Aspekte der Fassadengestaltung mit sehr hohem Fensteranteil vermochten die Jury nicht zu überzeugen.

 

Haus im Garten

Das Projekt «Tilia» auf Rang drei entwickelt sich aus der Idee der Landschaft heraus. Die ARGE Hämmerle Partner und BS + EMI Architektenpartner reagiert im Gegensatz zu den geschlossenen und kompakten Bauten mit einem eigenständigen Projektansatz. Das Zentrum für Zahnmedizin wird als öffentliches «Haus im Garten» verstanden. Der mittig gesetzte, geschwungene Baukörper mit seinen fünf Armen, die sich in die umliegende Parklandschaft ausweiten, führt zu inter­essanten Verwebungen des Frei­raums über die Parzellengrenzen hinweg. Im Zusammenspiel mit den bestehenden Bauten – in diesem Fall bleibt auch das Schwesternhaus erhalten – ergeben sich Freiräume wie das Entree, der kleine Campus und Gärten mit ganz un­terschiedlichen Charakteren und Atmosphären. Die Idee der Landschaft zieht sich im Gebäudeinnern weiter und endet bei der sorgfältig nutzbar gemachten Dachlandschaft.

Die grundsätzliche Frage der Zukunftsfähigkeit einer solch spezi­fischen Gebäudeform wurde von der Jury kontrovers diskutiert. Die geschwungene Form erzeugt viele schmale, ab­gewinkelte Räume, die für die ­Nutzung eher als kritisch beurteilt ­wurden.

 

Drei Charakterbauten

Nickl & Partner Architekten Schweiz mit E2A Architekten schlagen mit ihrem viertplatzierten Projekt «Hesire» vor, dass der Neubau zusammen mit der Poliklinik und dem Oberen Haus wiederum einen dreiseitig gefassten Freiraum bilden. Das neue Klinikgebäude besteht aus zwei parallel zum Hang verlaufenden Zeilen und zwei dazwischen liegenden Quervolumen. Der in der Mitte gelegene Hof wird im Erdgeschoss teilweise überdacht und bildet die räumliche Fortsetzung des Vorplatzes. Im Vergleich zu den anderen Vorschlägen wird der Beitrag in Bezug auf Wirtschaftlichkeit ­wegen seines hohen Flächenbedarfs und Unterbauungen jedoch als einer der aufwendigeren eingeschätzt.

 

Abschliessend ist die Jury überzeugt, dass mit dem Siegerprojekt eine adäquate Lösung sowohl für die Universität Zürich, das Zentrum für Zahnmedizin als auch für die Stadt und das Quartier gefunden werden konnte. Im Gegensatz zu dem heute überstellten Areal wird mit dem markanten Neubau eine Klärung vorgenommen und eine seit Jahrzehnten nicht mehr dagewesene städtebauliche Ruhe erreicht. Gleichzeitig wird mit dem zukunftsweisenden Innovationsprojekt ein klarer Schwerpunkt auf nachhaltiges Bauen gesetzt. • Text: Andreas Kohne

© Fabian Guggenbühl, Hochbauamt Kanton Zürich
© Fabian Guggenbühl, Hochbauamt Kanton Zürich

Schweizerische Bauzeitung – TEC21, 2021, Heft Nr. 10, PDF

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